zusammengestellt von Daniel Fischer
Ausgabe 2
30.11.2005

Der Astronomie-Newsletter von Daniel Fischer ist ein neuer kostenloser Service von interstellarum, Ihrer Zeitschrift für praktische Astronomie.

Sein Inhalt besteht aus aktuellen Nachrichten für Amateurastronomen und Informationen für Abonnenten. Der Newsletter wird je nach Bedarf etwa im zweiwöchigen Rhythmus versendet – bei gegebenem Anlass werden Sie auch über Neuerscheinungen und Angebote des Oculum-Verlags informiert. Beiträge aus der Leserschaft sind ausdrücklich erwünscht! Bitte senden Sie aktuelle Bilder, z.B. von Planeten, Finsternissen oder anderen astronomischen Ereignissen wie gewohnt an die interstellarum-Redaktion. Mit Ihrer Einsendung erklären Sie sich sowohl mit einer Verwendung im Newsletter als auch im gedruckten Heft für einverstanden. Um nicht auf diesem Newsletter zu stehen, folgen Sie bitte den Hinweisen unter http://www.oculum.de/interstellarum/newsletter.asp.

Mithalten mit dem Venus Express?

Auch für den Amateur könnte der Planet – in den richtigen Farben gesehen – eine Menge zu bieten haben

Seit dem 9. November ist der Venus Express unterwegs, die erste Raumsonde der ESA zum inneren Nachbarn der Erde: Für den 11. April 2006 ist der Eintritt in eine erste Umlaufbahn geplant, und im Sommer soll die systematische Untersuchung der Venus beginnen. Der Schwerpunkt liegt dabei auf bzw. in ihrer dichten Atmosphäre – und zwei der Instrumente auf dem Orbiter lassen aufhorchen: Sie arbeiten in Wellenlängenbereichen, die auch der Amateurastronomie zugänglich sind oder zumindest dicht daneben liegen. Und tatsächlich: Einige der Untersuchungen, die mit dem Venus Express geplant sind, könnten Beobachter, die ein wenig in die richtigen Filter investieren, durchaus nachzuvollziehen versuchen und dabei vielleicht sogar die Arbeit der Sonde unterstützen. Denn nur im weißen Licht ist die Venus eine strukturlose extrem helle Kugel mit Phase und sonst gar nichts:
  • Wolkenstrukturen auf der Tagseite – die allenfalls in tiefen Blaufiltern vage in Erscheinung treten – sind sowohl im nahen Ultravioletten wie im nahen Infraroten wesentlich kontrastreichere Erscheinungen, also zu beiden Seiten knapp jenseits des sichtbaren Spektralbereichs.

    • Bereits 1926 gelangen Ross beeindruckende UV-Aufnahmen der Venuswolken (Ross 1928; die Referenzen sowie eine systematische Spektraltabelle und weitere Links gibt es hier). Sie wurden später von der Raumsonde Mariner 10 mit einer urtümlichen Fernsehröhrenkamera in voller Pracht abgebildet (Murray et al. 1974): Bei 350 bis 370 nm scheint der Kontrast am besten zu sein, und Amateurastronomen sind hier schon recht lange erfolgreich, beispielsweise M. Weigand.
    • Aber auch im violetten Licht bei 418 nm gelangen der Raumsonde Galileo detailreiche Bilder (rechts; hochpassgefiltert) der Wolken (Belton et al. 1991), und vielleicht wartet noch manch anderes interessante Spektralfenster im Blauen auf seine Entdeckung.
    • Auch bei 986 nm im nahen IR sichtete Galileo ähnlich reiche Wolkenstrukturen (Belton et al. 1991), die aber kontrastärmer sind: Erhebliche Hochpaßfilterung ist erforderlich. Selbst in diesem Spektralbereich haben sich Amateure schon versucht, mit marginalem Erfolg.

    Da moderne CCD-Chips – und selbst klassischer Schwarzweißfilm – bei 360 nm noch empfindlich sind, dürften Parallelbeobachtungen mit dem Venus Express in diesem Bereich am meisten versprechen. Und beim heutigen Stand der Bildverarbeitung lässt sich so manches herauskitzeln.
  • Leuchterscheinungen in der Hochatmosphäre der Venus, v.a. über der Nachtseite, sind ein heißes Eisen: Mit großen professionellen Teleskopen sind eine ganze Reihe Emissionserscheinungen nachgewiesen worden – aber ausgerechnet das seit Jahrhunderten immer wieder einmal von visuellen Beobachtern gemeldete »Aschgraue Licht« hat sich bisher jeder direkten wissenschaftlichen Untersuchung entzogen.

    • Zwischen 400 und 650 nm und insbesondere zwischen 450 und 560 nm gibt es eine Reihe Emissionslinien von molekularem Sauerstoff: Airglow in der Hochatmosphäre über der Nachseite (Lawrence et al. 1977, Slanger & Black 1978). Und noch tausendmal heller strahlt es bei 1.27 µm (Connes et al. 1979, Allen et al. 1992), sogar über der Tagseite nachweisbar.
    • Bei 558 nm emittiert überdies atomarer Sauerstoff: Wie der molekulare auch entsteht er auf der Tagseite aus dem reichlich vorhandenen Kohlendioxid und wird auf die Nachtseite geweht, wobei die Intensität der Strahlung zeitlich stark schwankt (Slanger et al. 2001).
    • Irgendwo im Empfindlichkeitsbereich des Auges schließlich ist das Aschgraue Licht angesiedelt, dessen Existenz zahlreiche Amateur- und sogar einige Profiastronomen beschwören, das aber nie mit moderner Technik zweifelsfrei abgebildet werden konnte und dessen Natur so rätselhaft ist wie eh und je (Phillips & Russell 1988, Cruikshank 1992, Fischer 2001a).

    Kenner der Hochatmosphäre der Venus halten es für denkbar, dass unter bestimmten Umständen der normale Airglow dramatisch heller wird und dann auch für das Auge am Okular die Nachtseite der Venus aufglüht (Fischer 2001b), doch bei der einzigen großen gemeinsamen Beobachtungskampagne von einer Raumsonde und Amateuren war keine Korrelation der Sichtungen mit dem Sonnenwind zu erkennen (Phillips & Russell 1992). Parallelbeobachtungen des Aschgrauen Lichts mit den Instrumenten des Venus Express könnten das Rätsel endlich lösen - wenn nicht doch alles nur Einbildung ist.
  • Thermische Emission aus den Tiefen der Venusatmosphäre und sogar von der Oberfläche des Planeten dringt durch neun relativ enge spektrale Fenster zwischen 850 nm und 2.4 µm und macht sich auf der Nachtseite bemerkbar – wobei leider gerade die besten dieser Fenster jenseits der Empfindlichkeit normaler CCDs liegen.

    • Bei 850 und 950 nm gibt es zwei schwache Fenster, durch die IR-Strahlung entweicht und die überhaupt erst von Cassini entdeckt wurden (Baines et al. 2000) – für den Amateur und selbst professionelle Teleskope auf der Erde wahrscheinlich uninteressant.
    • Bei 1010 nm – noch haarscharf innerhalb des Empfindlichkeitsbereiches von CCDs – gibt es ein wesentlich besseres Fenster, auf das die Sonde Galileo stieß (Carlson et al. 1991) und das schon bald auch mit dem 1-m-Teleskop auf dem Pic du Midi ausgenutzt wurde (Lecacheux et al. 1993). Und genau in diesem Fenster gelang auch dem ersten Amateur am 12. Mai 2004 die erste klare Abbildung von thermischer Emission von der Nachtseite der Venus (rechts): mit einer handelsüblichen CCD-Kamera und einem Filter, der Licht ab 1 µm durchlässt aber auch bei kürzeren Wellenlängen etwas leckt. Die Leistung von Pellier wurde prompt als Sensation gefeiert – aber seitdem offenbar nicht wiederholt.
    • Bei 1.10, 1.18, 1.27, 1.31, 1.74 und 2.3 bis 2.4 µm liegen die anderen IR-Fenster in die Nachtseite der Venus, die bereits früher entdeckt wurden (Allen & Crawford 1984, Allen 1987, Crisp et al. 1991a), meist »offener« sind als die kurzwelligeren und auch mit interessanten Wolkenstrukturen aufwarten können, die sich in Absorption vor der Wärmestrahlung aus der Tiefe abzeichnen. Galileo lieferte detailreiche Bilder (Carlson et al. 1991), und zahlreiche Sternwarten auf der Erde (Bild rechts) überwachen diese nahinfraroten Spektralfenster.

    Je größer die Wellenlänge, desto kontrastreicher zeichnen sich die Wolken ab, v.a. im K-Band bei 2.3 bis 2.4 µm – aber die Beobachtungen bei 1.01, 1.10 und 1.18 µm haben einen ganz anderen Reiz: Hier kann man bis auf die Oberfläche der Venus schauen (Meadows & Crisp 1996), wobei sich die tiefsten und wärmsten Landschaften hell und Berge dunkel abzeichnen! Das hätte noch vor wenigen Jahren niemand für möglich gehalten: Mit vergleichsweise einfachen Teleskopen und sogar Amateurmitteln ist ein Blick auf die Oberfläche der Venus möglich, der auf ewig Radaranlagen oder Landegeräten vorbehalten zu sein schien.
Von den Instrumenten des Venus Express ist die Venus Monitoring Camera VMC dasjenige, dessen Spektralbereich dem des Amateurs mit Abstand am nächsten kommt: Herzstück ist ein CCD-Chip, auf den jeweils gleichzeitig Bilder durch engbandige Filter mit 365, 513, 935 und 1010 nm belichtet werden. Sowohl die Wolkenstrukturen wie das 1-µm-Fenster bis zum Venusboden interessieren die VMC-Forscher, die übrigens in Deutschland sitzen, am MPI für Sonnensystemforschung. Das Visible and Infrared Thermal Imaging Spectrometer VIRTIS deckt dagegen den kompletten Spektralbereich von 250 nm bis 5 µm ab und erreicht auch die starken IR-Fenster, die dem normalen Amateur noch verborgen bleiben (entsprechende Detektoren kosten fünfstellige Euro-Beträge) – außer man lässt sich ein IR-Teleskop schenken; siehe Artikel unten ...

Ein koordiniertes Programm von Venus Express und Profi- und Amateursternwarten hält die Projektleitung zwar für sinnvoll, konkret organisiert wurde aber in den hektischen drei Jahren zwischen Beschluß und Start der Mission noch nichts. Die Venus schrumpft derzeit tief am Abendhimmel zur Sichel und verschwindet in die untere Konjunktion (siehe interstellarum 43 Seiten 14 und 18), um dann ab Mitte Januar eine lange Morgensichtbarkeit zu beginnen: Das Scheibchen ist also besonders groß und in den kommenden Wochen gut für Versuche geeignet, die IR- Emission auf der Nachtseite abzubilden. Und wenn dann die Phase allmählich wieder voller wird, lohnen sich Experimente mit der Tagseite und dem Einsatz unterschiedlichster Farbfilter. Vielversprechende Resultate nimmt gerne die ALPO in Japan entgegen, die die einzige Echtzeit-Galerie mit Venus-Bildern zu führen scheint – und natürlich die interstellarum-Redaktion; siehe Kopf!

Das neue Jahrbuch ist da: Das astronomische Jahr 2008

Wie lange dauert es, alle relevanten Informationen für einen Beobachtungsabend zusammenzustellen?

Das Astronomische Jahr ist ein Jahrbuch der neuen Generation, das Astronomie-Interessierten hilft, sich in der Flut der heute vorhandenen Daten zurechtzufinden, indem es die wesentlichen Informationen herausfiltert und gleichzeitig praxisorientiert aufbereitet:

  • Alle Himmelsdaten einer Kalenderwoche sind übersichtlich auf zwei gegenüberliegenden Seiten dargestellt.
  • Blättern und zeitintensives Zusammensuchen von Informationen für einen Beobachtungsabend entfallen.
  • Wichtige Ereignisse sind thematisch gruppiert und auf einen Blick zu erkennen.
  • Alle Informationen sind in leicht verständlichen Grafiken umgesetzt.
  • Auf Wunsch können auch alle Daten ganz genau in der umfassenden Tabelle nachgeschlagen werden.
  • Die dort aufgelisteten Ephemeriden können Dank Farbcodierung besonders schnell erfasst werden.

Besonderer Wert wurde darauf gelegt, dem Beobachter alle notwendigen astronomischen Größen an die Hand zu geben, die für die eigene Beobachtung entscheidend sind. Mehr noch: Im Astronomischen Jahr sind erstmals bisher nur schwer verfügbare Daten zu finden, wie beispielsweise die grafische Darstellung der Uranus-, Neptun und Marsmonde. Darüber hinaus soll eine Auswahl ungewöhnlicher Himmelsereignisse neue Anregungen für eigene Beobachtungen geben, so wie es aus der Zeitschrift interstellarum bereits bekannt ist.

In der Ausgabe für 2008 wurden gegenüber dem Vorjahr verbessert:

  • größere Schrift, einfacher lesbare Tabellen
  • ausführliche Beschreibung eines Wochenereignisses in Wort und Bild
  • Jahresübersicht der wichtigsten Ereignisse
  • optimiert für die Lesbarkeit mit roten Taschenlampen

Friedrich, Susanne, Friedrich, Peter, Schurig, Stephan: Das Astronomische Jahr 2008 – Woche für Woche Daten und Grafiken zur eigenen Beobachtung der Gestirne. Oculum-Verlag, Erlangen, September 2008. 128 Seiten, 13 Karten, wasserabweisende Oberfläche, kartoniert 30cm×21cm, durchgehend farbig. ISBN 978-3-938469-19-4, 9,90 EUR + Porto/Versand

Inhaltsverzeichnis und Beispielkarten unter http://www.oculum.de/oculum/titel.asp?Nr=33

Bestellen Sie hier!

Rekordausbeute für das Netz der Meteor- Videokameras!

Der Oktober 2005 war der bisher beste Monat für das weltweite Netz von Videokameras, die die ganze Nacht automatisch nach Meteoren Ausschau halten: 1512 Stunden effektive Beobachtungszeit kamen zusammen (der alte Bestwert waren im Monat zuvor 1140 Stunden gewesen), in denen 9470 Meteore registriert wurden. Das schlägt selbst den November 2001, als es dank in Asien aufgezeichneter Leoniden 8900 Meteore geworden waren, während der beste Monat ohne Meteorsturm der August 2003 mit 6900 Meteoren war. In dem Netzwerk sind zum einen Kameras mit Bildverstärkerröhren versammelt, deren Grenzgröße unerreicht bleibt: Eine einzige solche Kamera in Bayern mit 60° Gesichtsfeld und Grenzgröße 6 fing im Oktober 2005 fast 3300 Meteore ein.

Aber auch die populären unverstärkten doch hochempfindlichen Überwachungskameras – preiswerter in der Anschaffung und leichter zu handhaben – hielten diesmal gut mit: Zwei Mintrons mit 6-mm-Objektiven mit Blende 0.8 z.B., die etwa 55° Gesichtsfeld und eine Grenzgröße von 3 mag. liefern, brachten es im selben Monat auf jeweils knapp 900 Meteore. Wenn Sternschnuppenströme wie die Tauriden aktiv sind, kann eine einzige Mintron an die hundert Meteore pro Nacht aufzeichnen, während es bildverstärkte Kameras dann auf 300 bringen. Zwölf Beobachter (die meisten Amateure aber auch mindestens ein Profiastronom) sind gegenwärtig im Netzwerk, betreiben zusammen 16 Kameras und sind über mehrere Länder verteilt. Die Anlagen sind durchweg für schwache Meteore optimiert und werden durch Feuerkugeln geblendet: Für die Überwachung der hellsten Boliden bleiben fotografische Fischaugenkameras das ideale Instrument.

Barnards Pfeilstern lässt es blitzen

Einer der erdnächsten Sterne, »Barnards Pfeilstern«, hat sich als Flarestern entpuppt – der einzige bekannte Ausbruch ereignete sich allerdings schon am 17. Juli 1998 und wurde erst jetzt bekannt. Astronomen hatten in dieser Nacht eine Serie von Spektren mit einem 2.7-Meter-Teleskop aufgenommen, eigentlich auf der Suche nach Anzeichen eines Planeten. Dabei waren ihnen mehrere Emissionslinien aufgefallen, die es nur in dieser einen Nacht gab und die typisch für einen Flare auf solch einem alten Roten Zwerg sind. Weil sie sich aber nur für Planeten interessierten, vergaßen die Beobachter den Ausbruch wieder – aber jetzt bitten sie doch Amateure um Mithilfe: Der 9.6-mag.-Stern im nördlichen Ophiuchus möge öfters mal angeschaut werden, denn bei einem Flare sollte er auch um vielleicht eine halbe Größenklasse heller werden. Die drei sonnennächsten Roten Zwerge haben sich nun alle als Flaresterne entpuppt: Die anderen sind Proxima Centauri und Wolf 359, die beide schon häufiger Ausbrüche erlebten.

Ein 20-Zoll-Teleskop mit IR-Kamera ... als Geschenk!

Glück muß man haben: Das Steward Observatory der University of Arizona hat ein vollwertiges 50-cm-Teleskop mit einer modernen Infrarot-Kamera geschenkt bekommen, das künftig Sternfreunden im Rahmen der Astronomy Camps der Universität zur Verfügung stehen wird. Das Gerät ist inzwischen aus dem Staat Washington, wo es auf der Privatsternwarte stand, auf den Mount Lemon in den Santa Catalina Mountains, 70 km nördlich von Tucson, umgezogen: Der Besitzer John Jamieson, der den Detektor in enger Zusammenarbeit mit der Universität entwickelt hatte, war 1999 gestorben, und seine Hinterbliebenen schenkten es dem Steward Observatory.

Nachdem auf dem Mt. Lemon ein neuer Schutzbau entstanden war, konnte das »John Jamie Telescope« am 29. Oktober eingeweiht werden. Der Berg ist schon seit 18 Jahren Schauplatz der »Astronomy Camps«, bei denen junge wie erwachsene Sternfreunde mit Teleskopen von 30 bis 155 cm Öffnung nächtliche Astronomie wie die Profis erleben und tagsüber auch in deren Schlafräumen ruhen können (wofür typischerweise 500 bis 700 Dollar fällig werden). Der Quecksilber-Cadmium-Tellur-Detektor des Jamie Telescope mit 256 x 256 Pixeln ist ein Abfallprodukt der Entwicklung des IR-Detektors für das NICMOS-Instrument auf dem Hubble Space Telescope und öffnet den Astro-Campern ein völlig neues (und im Profi-Bereich seit Jahrzehnten sehr populäres) Fenster in den Kosmos: Interstellare Staubmassen werden durchdrungen, kühle Objekte besser sichtbar. Und da das Jamie Telescope zusätzlich über eine »normale« CCD-Kamera mit 1000 x 1600 Pixeln verfügt, die dank eines Strahlteilers parallel mit der IR-Kamera arbeitet, wird der Unterschied sofort erkennbar.

Ein Workshop über die letzte ringförmige Sonnenfinsternis und ihre Randeffekte

Das spektakulärste Video kam aus der abgelegensten Ecke: Mitten in der südtunesischen Wüste, dicht an der Grenze zu Algerien, hatte Torsten Schäfer nahezu perfekt auf jener Linie gestanden, wo sich der Sonnenring vom 3. Oktober fast gar nicht mehr schloss, am absoluten Südrand der Zonne der Annularität. Mit enormer Vergrößerung war zu sehen, wie die Hörnerspitzen der Sonnensichel aufeinander zu krochen aber sich dann nicht einfach trafen: Zwischen ihnen tauchten mehr und mehr unterschiedlich lange extrem schmale Lichtbögen auf und verschwanden wieder, während der Mond mit seinem rauen Profil am inneren Sonnenrand entlangschrammte und sich der Ring endlich für kurze Zeit schloss. Viele Sekunden dauerte das Schauspiel auf beiden Seiten der Ringphase: Nur in der Nähe der Ränder der Ringförmigkeitszone vollzieht sich dieses sogenannte Perlschurphänomen so langsam, dass man es in allen Einzelheiten verfolgen und aufzeichnen kann. Und nur diese Beobachtungen haben auch einen wissenschaftlichen Wert: In dem Spektakel kann eine Menge Astrophysik stecken.

Zu sehen und zu erfahren war das auf einem kleinen Workshop für Freunde solcher Randphänomene, zu dem u.a. der Autor am 19. November in einen Seminarraum des Astronomischen Instituts der Universität Bochum geladen hatte: 15 Beobachter der Ringfinsternis vom 3. Oktober aus dem ganzen Bundesgebiet waren gekommen, Spezialisten für exotische Fotoexperimente darunter, vor allem aber engagierte Beobachter von Sternbedeckungen durch den Mond. Für letztere – überwiegend in der International Occultation Timing Association / European Section (IOTA/ES) organisiert – sind Sonnenfinsternisse nicht (nur) eine Show am Himmel, für die man weite Reisen unternimmt, sondern auch ein hochpräziser Messvorgang, den die Natur freihaus zur Verfügung stellt. Gemessen wird nämlich, wenn auch auf ziemlich indirekte Weise, der Durchmesser der Sonne, und das auf wenige Kilometer (oder Teile pro Million!) genau: Es könnte sein, dass er mit dem Sonnenzyklus oder auch langfristiger schwankt (eine Variation um wenige hundert Kilometer scheint in Daten der Vergangenheit zu stecken), was wiederum von fundamentaler Bedeutung für die Astrophysik wäre.

Der Durchmesser des Mondes ist dagegen eine Konstante und seine Bahn im Raum – so kompliziert ihre Berechnung im Einzelnen auch ist – gut im Griff. Wo der Beobachter auf dem Globus steht, ist zu ermitteln dank GPS heute ebenfalls ein Leichtes. Und die Theoretiker dieses exotischen Teilgebietes zwischen Astrometrie und Himmelsmechanik sind zu dem Schluß gekommen, dass der beste Weg zur Messung des Sonnendurchmessers mit Hilfe der Perlschnur gelingen sollte, wenn man sie am Rand der Ringförmigkeits- oder auch Totalitätszone per Video aufzeichnet, präzise Zeitmarken, bei denen die Fehlertoleranz höchstens ein paar Zehntelsekunden beträgt, inklusive. Per Computer – spezialisierte Software existiert inzwischen und wurde auf dem Workshop auch praktisch vorgeführt – wird dann der theoretisch zu erwartende Ablauf des Perlschnurphänomens für verschiedene Sonnendurchmesser simuliert: Derzeit konzentriert man sich auf die Zeitpunkte des Erscheinens oder Verschwindens bestimmter Perlen (auch Baily's Beads genannt), die enorm von der Position des Beobachters auf der Erde und eben dem Sonnendurchmesser abhängen.

Den »besten« Durchmesser ermittelt man dabei durch den Vergleich der Voraussagen der Software und der tatsächlichen Beobachtungen. Auf der Tagung wurde angeregt darüber diskutiert, ob die genauen absoluten Zeitangaben – die in eine Videoaufzeichnung zuverlässig einzufügen überraschend schwierig ist – wirklich nötig sind: Vielleicht genügt es bereits, den Ablauf des kompletten Perlschurphänomens an sich zu vergleichen. Und auch zur Auswertung der exakten Zeitpunkte des Auftauchens oder Verschwindens der Beads könnte sich eine Alternative auftun: Serien scharfer Einzelbilder mit klar erkennbarem Perlenmuster dürften auch nur bei einem ganz bestimmten Sonnendurchmesser genau in dieser Form auftreten. Noch stehen diese Analysen am Anfang, und es fehlt vor allem noch an Beobachtungen: Nur Videos oder Bilderserien von nahe den Randzonen sind überhaupt auswertbar. Denn dann kratzen die Regionen um den Nord- bzw. Südpol des Mondes am Sonnenrand entlang, und nur hier ist das Höhenprofil des Erdbegleiters für die Analyse ausreichend gut bekannt.

Kein Mondorbiter und auch keine noch so guten Mondfotos von der Erde aus haben bisher so gute Angaben über die dreidimensionale Gestalt des Mondes geliefert wie streifende Sternbedeckungen: Die Topografie des Erdbegleiters ist global gesehen sogar deutlich schlechter bekannt als die des Mars (Zuber & Garrick-Bethell, Science 310 [11.11.2005] 983-4)! Bei streifenden Sternbedeckungen erwischt der Mond einen Stern nur knapp an seinem nördlichen oder südlichen Rand, er verschwindet hinter einem Mondberg und taucht vielleicht auch wieder auf, um erneut vom nächsten bedeckt zu werden. Da die Mondachse in allen Richtungen schwankt (Libration), werden solche Messungen immer noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit durchgeführt, und sie verbessern die Kenntnis über die Mondtopografie in der Nähe von Nord- und Südpol stetig weiter. In geringeren Mondbreiten und natürlich am Äquator kann es dagegen nur zu einfachen Ein- und Austritten von Sternen kommen, die selbst bei sehr genau gemessener Zeit nicht annähernd die topografische Qualität streifender Sternbedeckungen liefern (im IOTA-Jargon auch »Streifungen« oder »grazes« genannt): Bei ihnen wird durch den schrägen Winkel, unter dem der Mond den Stern (oder den Sonnenrand) trifft, die räumliche Auflösung bei gleicher Qualität der Zeitmessung gewaltig vergrößert.

Wer also eine ringförmige Sonnenfinsternis in der Nähe der Zentrallinie beobachtet, erlebt nicht nur ein wesentlich hektischeres Perlschurphänomen als Beobachter am Rand der Zone: Selbst präzise Aufzeichnungen mit Hochgeschwindigkeitskameras würden sich lange nicht so gut auswerten lassen, weil das Mondrandprofil schlechter bekannt ist. Aus diesem Grund begeben sich »Profis« für Ringfinsternisse (aber auch für totale) ausschließlich an den Rand der Finsterniszone, und auf der Tagung wurde angeregt debattiert, wo denn dort nun der allerbeste Standort sei. Außerhalb der beiden sogenannten »interior limits«, auf dem sich der Ring für Null Sekunden schließt und dann kein Mondberg mehr den Ring unterbricht, liegen noch jeweils mehrere Kilometer breite Zonen, in denen sich der Ring nicht schließt, aber zwischen den Hörnerspitzen der Sonnensichel zuhauf Beads erscheinen und wieder verschwinden. Und die Frage ist auch, ob man den Nord- oder den Südrand aufsucht: Am Nordrand sorgt die zerklüftetere Südpolregion des Mondes für relativ wenige aber spektakulär helle Perlen, am Südrand der glattere Mondnorden für viele aber allesamt schwächere Lichtperlen. Am besten sprechen sich die Beobachter vorher ab und verteilen sich auf beide Randzonen: Nur mit guten Daten von beiden Rändern lässt sich der Sonnendurchmesser zuverlässig eingrenzen.

Nicht alle Teilnehmer des Bochumer Workshops – geschweigedenn der Sonnenfinsternisfreunde insgesamt – lassen sich freilich von rein wissenschaftlichen Gesichtspunkten leiten: Vielfach stehen besondere fotografische Experimente im Vordergrund, um die Beads und die Chromosphäre dazwischen optimal ins Bild zu setzen. Einige der besten Ergebnisse vom 3. Oktober wurden von den Fotografen selbst vorgestellt, von Tobias Kampschulte und Willem van Kerkhoff, die z.T. sekundenlang durch Filter belichtet hatten, von Dirk Ewers, der seinen CCD-Chip halb abgeklebt hatte, und vom Autor, der ohne Filter auf den durchbrochenen Ring hielt. Besonders gefeiert wurde der – schemenhafte – Nachweis der inneren Sonnenkorona durch Kampschulte auf Bildern noch etliche Minuten nach dem 3. Kontakt, was die Frage aufwarf, wie partiell eine Finsternis eigentlich sein darf, damit das immer noch klappt. Nach fast sieben Stunden Bilderschau und Diskussion zogen die Teilnehmer des Workshops zufrieden von dannen: Man hatte Exotisches gesehen, viel gelernt und reichlich Motivation getankt – für kommende Abenteuer am Rande des Üblichen.


Clear skies wünscht
Ihr Daniel Fischer
 
Informationen zum Newsletter sowie Hinweise zur An- und Abmeldung erhalten Sie unter www.oculum.de/interstellarum/newsletter.asp. Schreiben Sie uns, wenn Sie Fragen, Wünsche oder Anregungen haben, unter webmaster – Wir helfen gerne weiter!

Haftungsausschluss | Impressum