Auf den ersten Blick erscheint es unsinnig, ein »kleines« Fernglas anzuschaffen, wenn man mit einem »großen« Teleskop liebäugelt oder schon eines besitzt. Doch ein Fernglas zeigt enorm viel! Jeder Einsteiger kann damit einfach und ohne hohe Kosten den Himmel erkunden und lernen, sich zurechtzufinden. Es wird auch später immer wieder das Teleskop ergänzen und so für Jahre Freude bereiten.
Abb. 1: Das Fernglas ist ein beliebtes Instrument in der Astronomie. [Peter Wienerroither]
Teleskop oder Fernglas?
Astronomische Beobachtungen sind auch mit einem Fernglas möglich. Es empfiehlt sich auf jeden Fall erste Erfahrungen mit einem Fernglas zu sammeln, bevor ein Teleskop gekauft wird. Ein gutes Fernglas ist auch ein sinnvolles Zweitinstrument, denn es hat bei allen Nachteilen auch Vorteile gegenüber einem Teleskop.
Vorteile des Fernglases
Großes Gesichtsfeld: Verglichen mit einem Teleskop ist das Gesichtsfeld in den meisten Ferngläsern bedeutend größer. Das Auffinden eines Objektes am Himmel gelingt mit einem Fernglas leichter.
Beidäugiges Sehen: Ferngläser erlauben die Nutzung beider Augen, was entspanntes Beobachten über einen längeren Zeitraum ermöglicht. Bei ausgedehnten Himmelskörpern, etwa dem Mond, stellt sich ein scheinbar dreidimensionaler Eindruck ein.
Kompaktheit: Viele für die Astronomie taugliche Ferngläser können bequem auf Reisen oder Ausflügen mitgenommen werden. Ein Fernglas ist immer schnell zur Hand und einfach zu bedienen.
Eignung für Naturbeobachtungen: Ein Fernglas leistet auch bei der Natur- und Tierbeobachtung gute Dienste, während ein Teleskop wegen des üblicherweise um 180° gedrehten Bildes nicht geeignet ist.
Ideales Spazieren-Seh-Instrument: Viele ausgedehnte Objekte entfalten erst im Fernglas ihre volle Pracht. Ein Streifzug mit dem Fernglas durch die Milchstraße mit ihren Sternwolken, Dunkelnebeln, Sternhaufen und Gasnebeln oder der Blick auf einen Kometen mit langem Schweif ist von keinem Teleskop zu überbieten.
Nachteile des Fernglases
Beschränkte Vergrößerung: Üblicherweise beschränkt sich die Vergrößerung der Ferngläser auf einen Bereich zwischen 7fach und 25fach. Bei den meisten Modellen ist sie fix, bei anderen kann zwischen zwei Vergrößerungsstufen umgeschaltet werden und wieder andere bieten eine stufenlose Veränderung der Vergrößerung (Zoom). Dennoch bleibt der Vergrößerungsbereich gegenüber einem Teleskop sehr beschränkt.
Niedrige Vergrößerung: Die Vergrößerung eines Fernglases ist auf den Bereich der Minimalvergrößerung beschränkt. Damit ist die Beobachtung der Planeten sowie von Details bei fast allen anderen Himmelsobjekten nicht möglich. Ein Fernglas eignet sich somit nur für die Beobachtung sehr großer astronomischer Objekte wie Milchstraßenfelder, Kometen und einige Deep-Sky-Objekte. Hier ist es teilweise sogar dem Teleskop überlegen. Ein Gerät für alle Bereiche der Astronomie ist es aber nicht.
Freihändige Beobachtung: Das Zittern der Hände überträgt sich bei der Fernglasbeobachtung auf das Bild und wird je nach Vergrößerung noch verstärkt. Im allgemeinen gilt eine 10fache Vergrößerung als obere Grenze für die freihändige Beobachtung. Abhilfe schaffen Stative, für die man im Handel extra Fernglas-Adapter kaufen kann. Höhere freihändige Vergrößerungen erlauben Ferngläser mit eingebauter Bildstabilisierung, diese sind aber wesentlich teurer als herkömmliche Modelle.
Konstruktion
Abb. 2: Ferngläser für die Astronomie gibt es in verschiedenen Größen mit Öffnungen zwischen 30mm und 100mm. [Dirk Mohlitz]
Grundsätzlich gibt es zwei verschiedene Bauformen: Porro- und Dachkantprismenglas. Die Umlenkung über die seitlich ausgelagerten Prismen ermöglicht beim Porro-Prismen-Fernglas große Öffnungen und steigert das stereoskopische Sehen bei nahen Objekten. Der normale Augenabstand liegt bei etwa 70mm. Durch die Umlenkung verdoppelt sich dieser Abstand etwa und zeigt uns ein räumlicheres Bild. Bei weit entfernt liegenden Beobachtungsobjekten ist dies natürlich unerheblich, da der Winkel viel zu klein ist, um räumlich zu sehen. Die bei uns übliche europäische Form hat abschraubbare Objektivtuben. Bei der amerikanischen Form bestehen die beiden Fernglashälften aus einem Stück. Die Gesichtsfelder sind im Vergleich zu Dachkantprismengläsern meist etwas größer. Bei diesen wird der Strahlengang nicht weiträumig umgelenkt, sondern in speziellen Prismen »intern« aufgerichtet und gedreht. Dies bedeutet einen hohen technischen Aufwand und somit auch einen höheren Preis. Dafür sind diese Ferngläser etwas handlicher. Bei nahen Beobachtungsobjekten ist das stereoskopische Sehen auf den normalen Augenabstand beschränkt. Eins ist jedoch bei beiden Bauformen gleich: Die Scharfstellung erfolgt zuerst am Mitteltrieb für das linke Auge. Danach wird rechts am Okular mit dem Dioptrienausgleich für das rechte Auge scharf gestellt. Hierdurch werden eventuell vorhandene Unterschiede in der Sehstärke beider Augen ausgeglichen, und man kann nach einmaliger Einstellung verschieden weit entfernte Objekte einfach nur mit dem Mitteltrieb für beide Augen scharf stellen.
Technische Daten
Abb. 3: Oben: Durch die Anordnung der Prismen unterscheiden sich die Typen des Porro- und Dachkant-Glases. [Frank Schäfer], rechts: Die Grafik zeigt den Strahlengang im Inneren des Gehäuses.
Die Vergrößerung und die Öffnung (Durchmesser der Objektive) sind die wichtigsten Größen eines Fernglases. Die Vergrößerung steht als erste Zahl vor einem »×« und dahinter die Öffnung. Weiter gibt es Angaben zur Größe des Gesichtsfeldes in Metern oder in Grad. Steht auf einem Fernglas also 7×50, 124/1000m, 7,1° hat es eine siebenfache Vergrößerung bei 50mm Öffnung. Das kreisförmige Bild, welches man durch das Fernglas sieht, hätte in 1000m Entfernung einen Durchmesser von 124m, was 7,1° am Himmel entspricht. Manchmal ist auch die Dämmerungszahl oder die Lichtstärke angegeben. Die Dämmerungszahl gibt Aufschluss über die Erkennbarkeit von Details in der Dämmerung, während sich die Lichtstärke auf die Bildhelligkeit bezieht. Interessant ist auch die so genannte Austrittspupille. Sie bezeichnet den Durchmesser des aus dem Okular austretenden Lichtstrahls: Je höher die Vergrößerung (bei gleicher Öffnung), um so kleiner die Austrittspupille. Die Pupillen des menschlichen Auges erweitern sich bei Dunkelheit bis auf etwa 6mm-7mm. Eine sehr kleine Austrittspupille zeigt ein dunkleres Bild als eine größere Austrittspupille. Für die Beobachtung unter hellem Stadthimmel ist jedoch im Vergleich zu einem dunklen Landhimmel eine etwas kleinere Austrittspupille vorzuziehen, denn im gleichen Maß, wie die beobachteten Objekte heller werden, steigt auch die Helligkeit des Hintergrundes. Eine höhere Vergrößerung oder eine kleinere Öffnung mildern diesen Effekt.
Zubehör
Abb. 4: Für länger andauernde Beobachtungen ist es sehr sinnvoll, das Fernglas auf einem Stativ zu montieren. [Frank Schäfer]
Bei freihändiger Beobachtung sollte die Vergrößerung nicht zu hoch gewählt werden, denn das unvermeidliche Zittern der Hände überträgt sich auf das Fernglas und so sind Beobachtungen über 10× nur kurzfristig möglich. Ein Stativ inklusive Halterung ist deshalb für kleinere Vergrößerungen das sinnvollste Zubehör. Auf einem Stativ zeigt sich erst die wahre Leistung der Optik: Das Bild wird ruhig, und man kann so das wirkliche Auflösungsvermögen nutzen, also feine Details erkennen. Das einfachste Stativ sind die eigenen aufgestützten Ellenbogen. Ein Autodach oder eine Mauer eignen sich bestens als Unterlage. Ein Besenstiel, der in einen Getränkekasten gesteckt wird, ist auch ein guter Stativersatz. Das Fernglas wird einfach locker aufgelegt und festgehalten. Besser ist jedoch ein stabiles Fotostativ mit Neigekopf. Das Fernglas kann in alle Richtungen geschwenkt werden und man kann entspannt beobachten. Ist man im Besitz eines Fernglases mit Fotogewinde unter der Abdeckkappe des Mitteltriebs, kann man leicht mit käuflichen Adaptern eine Verbindung zum Stativ herstellen. Auch gibt es Adapter, die am Mitteltrieb befestigt werden. Bevor man ein Fernglas auf einem Stativ montiert, sollte man sich immer den Tragegurt umhängen. Oft schon sind selbst bei vorsichtiger Handhabung Ferngläser aus der Hand gerutscht und zu Boden gefallen.
Fernglas-Auswahl
Die Auswahl eines geeigneten Fernglases richtet sich danach, wofür das Glas verwendet werden soll. Ein 8×20-Klappfernglas ist leicht und handlich, doch eignet es sich nicht für astronomische Beobachtungen. Für begeisterte Wanderer gibt es aber sicher kein praktischeres Glas. Naturliebhaber und Vogelbeobachter kommen mit einem 8×40 auf ihre Kosten, welches auch am Himmel schon viel zeigt. Will man sich aber ganz auf die Sterne konzentrieren, steht man vor der Entscheidung, ein lichtstarkes 7×50 oder 10×50 anzuschaffen oder gleich auf größtmögliche Öffnung und ein Stativ Wert zu legen. Ein 10×50 mit großem Gesichtsfeld ist immer eine gute Entscheidung, denn die Lichtstärke und die Vergrößerung machen es zu einem Allroundfernglas, welches auch nach Jahren immer noch Spaß macht.
Abb. 5: Die Vergütungen von Fernglasobjektiven unterscheiden sich qualitativ. Rote Vergütungen zeichnen die meisten Billig-Geräte aus Fernost aus, während hochwertigere Gläser bläulich oder grünlich schimmernde Beläge zeigen. [Dirk Mohlitz]
Tipps für den Fernglaskauf
Hat man nun seine Wahl getroffen, sollten ein paar wichtige Dinge beachtet werden. Die mechanische Qualität lässt sich sehr einfach feststellen: Alle Einstellmöglichkeiten müssen leichtgängig sein, allerdings auch nicht so leichtgängig, dass unbeabsichtigtes Verstellen möglich ist. Nichts darf wackeln oder klappern. Die Beurteilung der Optik ist schon etwas aufwändiger. Knallrote oder stark orange Reflexe nehmen eher Licht und erzeugen ein grünliches Bild. Eine gute Vergütung schimmert z.B. leicht bläulich oder rötlich. Sie steigert die Lichttransmission und sollte auf allen Linsenflächen vorhanden sein. Ein erster Blick aus etwa 30cm Entfernung in die Okulare gibt einen weiteren Hinweis: Sind die zu sehenden Lichtscheibchen (die Austrittspupillen) leicht eckig, sind die Prismen zu klein. Ein optisch gut dimensioniertes Fernglas zeigt kreisrunde Austrittspupillen ohne Ausfransungen. Nachdem das Fernglas eingestellt ist, folgt der erste Blick hindurch. Hat man nicht direkt ein entspanntes Gefühl, stimmt die Justierung nicht. In schweren Fällen sieht man sogar Doppelbilder. Peilt man ein entferntes Objekt an (z.B. einen Mast) und schließt abwechselnd die Augen, springt das Bild hin und her. Ein Test am Stern ist noch einfacher und genauer: Das Fernglas wird zunächst scharf gestellt, dann dreht man den Dioptrienausgleich so unscharf wie möglich. Der Sternpunkt der linken Fernglashälfte sollte nun im Zentrum des unscharfen Sternscheibchens rechts sein. Die Farbreinheit der Abbildung prüft man an kontrastreichen Objekten. Völlig farbrein ist kein Fernglas, doch ein starker Farbsaum ist ein Mangel, den man nicht in Kauf nehmen sollte. Die Randschärfe ist eine Frage des persönlichen Geschmacks. Außerdem sollten mehrere Ferngläser des gleichen Typs miteinander verglichen werden. Selbst bei teuren Herstellern gibt es eine Serienstreuung. Diese ist bei preiswerten Anbietern meist deutlich stärker. So kann es sein, dass zwei scheinbar gleiche Ferngläser in der optischen Qualität deutlich voneinander abweichen.
Ferngläser gebraucht kaufen
Das ideale Fernglas
Ein Fernglas zeigt mehr als meine Augen: Ein Fernglas, welches weniger zeigt oder mein Sehgefühl beeinträchtigt, ist unnötig
Ein Fernglas ist gut justiert: Ein Fernglas, welches beim Beobachten die Augen anstrengt ist unnötig
Ein Fernglas kann ich mir leisten: Ein Fernglas ist ein Gebrauchsgegenstand. Es sollte nicht, weil es teuer war, nur im Schrank liegen.
Bei gebrauchten Ferngläsern gelten eingeschränkt zuerst die gleichen Dinge wie bei einem Neukauf. Viele ältere Optiken besitzen z.B. keine Vergütung. Dies ist im Vergleich zum niedrigen Preis kein Makel, da letztlich die Genauigkeit der optischen Flächen entscheidend ist. So sind viele ältere Modelle ohne Vergütung manch modernem Fernglas mit Mehrschichtvergütung deutlich überlegen. Doch gibt es einige Dinge, die wirklich abschrecken sollten. Schaut man durch die Objektive (also umgekehrt) in das Fernglas, erkennt man Staub und Dreckteilchen bei fast allen Gebrauchtgeräten. Dies ist meist unerheblich und nur ein »Schönheitsfehler«, der sich kaum bemerkbar macht. Sieht man aber eine schmierig erscheinende Schicht auf den Prismen, sind diese mit großer Wahrscheinlichkeit von Pilzen befallen. Diese zerstören das Glas auf Dauer. Wird das Glas »verkehrt« herum gehalten, lassen sich auch Muschelbrüche an den Prismen erkennen. Ein Sturz war meist die Ursache dafür. Fingerabdrücke im Inneren weisen auf vorangegangene Reparaturversuche hin. Sind mechanische Teile gebrochen, gibt es bei älteren Ferngläsern selten Ersatz.
Auflösungsvermögen in " = (0,000555 × 206265) / Vergößerung
Lichtsammelvermögen im Vergleich zum Auge = Durchmesser Objektiv2/Durchmesser Augenpupille2
Erster Einsatz
Hat man das geeignete Fernglas gefunden, geht es auf zur ersten Beobachtungsnacht. Hierfür ist warme Kleidung selbst in vermeintlich lauen Sommernächten wichtig und sollte nicht vergessen werden, wenn man extra an einen dunklen Platz fährt, um der Lichtverschmutzung zu entkommen. Im Garten oder auf der Terrasse kann man sich entspannt auf eine Liege legen und sich mit einer Decke vor Kälte schützen, um freihändig durch den Sternenhimmel zu schweifen. Je länger man schaut, um so besser haben sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt. Immer wieder tauchen dabei kleine Fleckchen oder Sternhaufen auf, die man mit einer Sternkarte identifizieren kann. Oder man macht sich mit einem größeren Fernglas auf einem Stativ gezielt auf die Suche nach Nebeln, Galaxien, Doppelsternen und Sternhaufen. Auch für kleinere Ferngläser ist der Himmel voll von interessanten und schönen Objekten, so dass man immer wieder etwas Neues findet. Der Mond bietet aufgrund seiner Helligkeit selbst für kleinste Öffnungen einen faszinierenden Anblick. Und für neue Ideen bietet sich als Lektüre die Rubrik »Astronomie im Fernglas« (siehe Seite 18) an, die in jeder Ausgabe neue Projekte für Fernglasbeobachter vorstellt.
Grunddaten gängiger Fernglasmodelle
Austrittspupille
Lichtstärke
Dämmerungszahl
Astro-Index
Grenzgröße (6mm/6m)*
Auflösung
Lichtsammelvermögen (6mm)*
4×25
6,3mm
39,1
10
20
9,1m
28,6"
17
8×30
3,8mm
14,1
15,5
44
9,5m
14,3"
24
840
5,0mm
25
17,9
51
10,1m
14,3"
44
7×50
7,1mm
50,1
18,7
49
10,6m
16,4"
69
10×50
5,0mm
25
22,4
71
10,6m
11,4"
69
15×50
3,3mm
11,1
27,4
106
10,6m
7,6"
69
9×60
6,7mm
44,4
23,2
70
11m
12,7"
100
20×60
3,0mm
9
34,6
155
11,0m
5,7"
100
15×70
4,7mm
21,8
32,4
125
11,3m
7,6"
136
11×80
7,3mm
52,9
29,7
98
11,6m
10,4"
178
15×80
5,3mm
28,4
34,6
164
11,6m
7,6"
178
20×80
4,0mm
16
40
179
11,6m
5,7"
178
20×90
4,5mm
20,3
42,4
190
11,9m
5,7"
225
20×90
4,5mm
20,3
42,4
190
11,9m
5,7"
225
20×100
5,0mm
25
44,7
200
12,1m
5,7"
278
40×100
2,5mm
6,3
63,2
400
12,1m
2,9"
278
22×125
5,0mm
25
55,9
280
12,6m
4,6"
434
40x125
3,1mm
9,8
70,7
447
12,6m
2,9"
434
40x150
3,8mm
14,1
77,5
490
13,0m
2,9"
625
*) Durchmesser der Augenpupille in mm und Grenzgröße mit dem bloßen Auge